Aktuelles

Informationen der Berufsgruppe gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen Würzburg zum aktuellen Fall von sexuellem Missbrauch in Würzburg April 2019

Die Berufsgruppe ist ein Zusammenschluss von Einrichtungen, Organisationen und Institutionen in Würzburg, die zum Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
kooperieren. Wir geben Informationen, Beratung, Hilfe und Unterstützung zum Thema.
www.BerufsgruppegegensexuelleGewalt.de
Sie können sich auch direkt an uns, dem Psychotherapeutischen Beratungsdienst im SkF wenden. Unsere Telefonnummer lautet: 0931 41 904 61.

Information für Eltern

Viele Eltern sind beunruhigt wegen des aktuellen Falles von “Kinderpornographie” und sexuellem Missbrauch in Würzburg.
Die Mitglieder der Berufsgruppe beantworten gerne in persönlichen Gesprächen Ihre Fragen dazu und geben Unterstützung im Umgang mit Ihrer Sorge und mit Ihren Kindern. Nehmen Sie Kontakt mit uns auf!
 
Folgende Fragen erreichen uns:
 
1)    Ist mein Kind betroffen? Kann ich das herausfinden?
Es gibt für keine eindeutigen Anzeichen, die auf sexualisierte Gewalterfahrung schließen lassen. Meistens gibt es keine körperlichen Folgen, sondern die betroffenen Kinder entwickeln z.B. Ängste, Aggressionen oder spielen Erlebtes nach. Wenn Sie Auffälligkeiten Ihres Kindes beobachten und dazu Fragen haben, können Sie sich damit an uns wenden. Diese Auffälligkeiten können aber auch andere Ursachen haben und möglicherweise wird es ungewiss bleiben, ob Ihr Kind betroffen ist.
 
2)    Was mache ich, wenn unklar bleibt, ob mein Kind betroffen ist? Wie gehe ich mit ihm um und wie halte ich das aus?
Suchen Sie in diesem Fall Unterstützung in Ihrem Umfeld und bei Vetrauenspersonen, die die Ungewissheit mit Ihnen gemeinsam aushalten. Machen Sie sich klar, dass die Gefahr bezüglich des Beschuldigten nun vorüber ist, da er inhaftiert wurde. Behandeln Sie Ihr Kind so wie immer. Sollten Sie Sorge haben, es könne unter den Folgen möglicher Gewalterfahrungen leiden, so können Sie Unterstützung z.B. bei Beratungsstellen oder niedergelassenen Psychotherapeut*innen suchen.
 
3)    Soll ich aktiv mit meinem Kind über den Vorfall sprechen oder nur, wenn es fragt?   Im aktuellen Fall laufen umfangreiche Ermittlungen der Polzei. Einige Kinder werden möglicherweise noch befragt. In Kooperation mit der Polzei empfehlen wir Folgendes:
Befragen Sie Ihr Kind nicht aktiv zu den Vorfällen und benennen Sie keine möglichen Tathandlungen in Verbindung mit dem Beschuldigten. Kinder können Realität und Phantasie noch nicht eindeutig voneinander abgrenzen und sie könnten im Rahmen von polizeilichen Befragungen auch Inhalte erzählen, die sie nur aus Erzählungen oder Gesprächen über den Beschuldigten erfahren haben. Diese Aussagen könnten natürlich nicht mehr verwertet werden.
 
Wenn Ihr Kind bis zu dessen Inhaftierung mit dem beschuldigten Logopäden in Kontakt war, empfehlen wir, das Kind ehrlich darüber zu informieren, weshalb nun keine Termine mehr stattfinden.  Z.B. „X. kommt nicht mehr, weil er im Gefängnis ist. Die Polizei denkt, dass er etwas Verbotenes gemacht hat und untersucht das gerade alles. Darüber sind wir erst sehr erschrocken, aber jetzt sind wir froh, dass die Polizei das herausgefunden hat und für Sicherheit sorgt.“
Wir wissen, dass viele Kinder den Beschuldigten sehr nett fanden. Sollte das Thema sein können Sie sagen, dass auch sehr nette Menschen manchmal Dinge tun, die schlimm sind und verboten sind.
Um ihren Kindern auch im Sinne von Prävention die Möglichkeit zu geben über das Thema sexuller Missbrauch informiert zu sein und es zu stärken, empfehlen wir, dass Sie in Ruhe und mit zeitlichem Abstand zum jetzt aktuellen Geschehen Situationen gestalten oder nutzen, um darüber zu sprechen (s. Punkt 5).
Sollte ihr Kind spontan etwas erzählen, das im Zusammenhang mit dem Beschuldigten steht, schreiben sie die Aussage des Kindes möglichst wörtlich auf und bestärken Sie ihr Kind, dass es gut ist, dass es das erzählt.
Sie können sich damit an die Polizei wenden. Die Nummer des Hinweistelefons lautet: 0800 77 33 744
 
4)    Werden betroffene Kinder ihr Leben lang unter den Folgen zu leiden haben?
Nicht alle Kinder werden durch sexuellen Missbrauch traumatisiert. Wenn sie Schutz und Unterstützung erfahren, die Übergriffe nicht über Jahre gingen und die Handlungen weniger schwer wiegend gewesen sind, können viele Kinder die Erlebnisse auch gut verarbeiten.
Kinder, die über längere Zeit schweren sexuellen Missbrauch erleiden mussten, brauchen in der Regel professionelle Hilfe zur Verarbeitung, aber auch sie haben gute Chancen, die Gewaltfolgen zu bewältigen. Deren Eltern brauchen sicherlich parallel professionelle Ansprechpartner*innen an ihrer Seite.
 
5)    Was kann ich tun, damit meinem Kind so etwas nicht (wieder) passiert?
Kinder brauchen Erwachsene, die sich für ihren Schutz stark machen und hinschauen oder hinhören. Dennoch gibt es leider keine Garantie für eine Kindheit ohne Gewalterfahrung. Leider sieht man keinem Menschen an, was in ihm oder ihr vorgeht und ob es jemand sein könnte, der plant sexualisierte Gewalt auszuüben oder dies bereits tut.
Sie können jedoch sich und Ihr Kind stärken, um vorzubeugen oder Kinder zu ermutigen sich anzuvertrauen.

Auch Vorschulkindern können Informationen über sexuelle Gewalt gegeben werden. Sie können z.B. sagen: „Es gibt Erwachsene, die Jungen und/oder Mädchen am Penis oder an der Scheide anfassen oder wollen, dass die Kinder sie da auch anfassen. Das dürfen sie nicht! Manche sagen dann, das ist ein Geheimnis. Aber solche Geheimnisse sind blöd. Wenn jemand so was macht, ist es gut, wenn du das mir/uns sagst, damit wir dich schützen können.“

Wichtige Botschaften sind dabei:

  • „Dein Körper gehört Dir! Niemand darf Dich anfassen oder berühren, wenn Du das nicht magst. Du darfst sagen, wenn Dir etwas nicht gefällt und Du das nicht möchtest:“

  • „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse. Gute Geheimnisse machen Freude und fühlen sich gut an und machen Spaß. Schlechte Geheimnisse fühlen sich schlecht an, machen Angst oder Bauchweh. Die darfst Du immer sagen, das ist kein petzen.“

  • Benennen Sie in einfachen kindgerechten Worten mögliche Tathandlungen, damit Ihr Kind die Möglichkeit hat einzuordnen, ob es eventuell etwas in der Art erlebt hat.

  • „Manche Erwachsene machen mit Kindern Dinge, die verboten sind. Das ist z.B., dass sie Kinder am Penis, an der Scheide oder am Po berühren. Oder sie möchten dass Kinder sie am eigenen Penis oder an der Scheide berühren. Sie machen die Kinder nackig und machen vielleicht Filme oder Fotos von ihnen. Das alles dürfen sie nicht tun, das ist verboten.“

 
Dazu gibt es zahlreiche Broschüren, die Eltern in einer präventiven Haltung unterstützen, wie z.B.:
  • Extrabrief des Arbeitskreis ANE (Arbeitskreis neue Erziehung e.V.): „Kinder stark machen - sexuellem Missbrauch vorbeugen“ https://www.ane.de/bestellservice/sexueller-missbrauch
  • „Trau dich“, Bundesweite Initiative zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Ratgeber für verschiedene Zielgruppen. https://www.trau-dich.de
6)    Woran erkenne ich, ob die Einrichtung, in die ich mein Kind gebe, sicher ist?
Auch hier gibt es keine Garantien, aber Bausteine, die für möglichst viel Sicherheit sorgen. Sie können nach einem Schutzkonzept fragen oder sich erkundigen, was getan wird, um Gewalt zu verhindern. Gibt es Beschwerdeverfahren oder sind die Mitarbeiter*innen zu dem Thema Kinder geschult? Eltern sollen nachfragen oder sich beschweren dürfen, wenn ihnen etwas seltsam vorkommt und wenn ihr Sohn oder ihre Tochter entsprechende Äußerungen macht, hellhörig sein.
Gleichzeitig sollten Sie nun nicht überall „Missbrauch wittern“. Kinder brauchen auch Vertrauenspersonen außerhalb der Familie. Es wäre gar nicht gut, wenn nun alle Kinderpfleger und Erzieher oder Übungsleiter unter Generalverdacht gestellt würden! Es ist so wichtig, dass auch kleine Kinder männliche Bezugspersonen haben können, denen ihre Eltern vertrauen. Diese dürfen auch schwul sein. Sie sollten nicht spüren, dass ihre Eltern ihrem Erzieher mit Argwohn oder gar Angst begegnen. Ein Klima des Misstrauens wird eher schädlich als förderlich sein. Kinder brauchen eine Umgebung, die ihnen Sicherheit und Vertrauen bietet, dazu können Sie als Eltern beitragen.
 

Information für Fachkräfte

Kollegen und Kolleg*innen, die erfahren müssen, dass ein Kollege, mit dem sie über Jahre vertrauensvoll zusammen gearbeitet haben, Kinder mit einer hohen kriminellen Energie sexuell missbraucht haben könnte, sind vermutlich erst einmal einfach schockiert.
Das ist unvorstellbar und braucht einen Raum, in dem es Platz hat, um es nach und nach begreifen zu können.
 
Die Mitglieder der Berufsgruppe unterstützen daher auch Fachkräfte in der Bewältigung des Schocks und mit ihren Fragen im Umgang damit sowie im Umgang mit den Kindern. Auch Sie brauchen Unterstützung, um wieder selbst Sicherheit zu gewinnen, Kolleg*innen vertrauen zu können. Scheuen Sie sich nicht, diese für sich einzufordern und in Anspruch zu nehmen - Sie zeigen damit nicht Unfähigkeit sonder Professionalität!
 
Um wieder gut arbeiten zu können und dem Thema „Prävention in Einrichtungen“ gerecht zu werden, empfehlen wir die Erarbeitung eines Schutzkonzeptes, das sexuellem Missbrauch vorbeugen soll und in Krisensituationen Leitlinien vorgibt. Pädagogische Mitarbeiter*innen und Leitungskräfte müssen sich mich mit der Möglichkeit beschäftigen, dass in ihrem Team jemand seine Machtposition Kindern gegenüber ausnutzen könnte – was in dem aktuellen Fall leidvoll erfahren werden musste.
 
Teile eines Schutzkonzeptes sind Regeln im Umgang mit den Mädchen und Jungen und ein sexualpädagogisches Konzept. Andere Aspekte betreffen den Umgang mit Macht, mit Nähe und Distanz sowie klare Regeln für Transparenz oder die Einrichtung „sicherer Räume für Kinder“. Wichtig sind aber auch vetrauensbildende Maßnahmen, Fürsorge für Mitarbeiter*innen, Supervision und Fortbildungen, ein Beschwerdemanagement und eine Fehlerkultur sowie Richtlinien für Notfälle.
 
Wenn Sie selbst Sorge haben, ein Kollege oder eine Kollegin überschreitet Grenzen und schadet Kinder, können Sie Ihre Beobachtungen schildern und wir unterstützen Sie niederschwellig in der Einschätzung dessen, was Sie zu uns führt. Nehmen Sie gerne Kontakt auf.
 

Für alle Menschen in Krisensituationen

Heftige Gefühle, Hilflosigkeit, Überfordertsein, Wut oder auch Fassungslosigkeit sind ganz normale menschliche Reaktionen auf das Schlimme, das passiert ist.
 
Erste hilfreiche Schritte in solchen Situationen sind Schutz, Sicherheit und Stabilisierung.
Schutz und Sicherheit sind jetzt durch die Inhaftierung des Beschuldigten gewährleistet.
 
Zur Stabilisierung gestalten Sie so viel Normalität in ihrem Alltag, wie möglich. Tun Sie vertraute Dinge, die Ihnen gut tun. Treffen Sie sich mit Freunden und Menschen, die Ihnen angenehm sind, machen Sie Sport, versorgen Sie sich mit Essen, Trinken und Schlaf. Möglicherweise hilft es Ihnen auch, sich zurückzuziehen, um das Erfahrene zu verarbeiten.
Versuchen Sie, Ihren Kindern so viel Stabilität und Sicherheit wie möglich zu geben: gemeinsame Spiele und Unternehmungen sowie der vertrauten Alltag können helfen. Die Regeln Ihres Familienlebens dürfen weiterhin aufrechterhalten werden. Das kennen die Kinder und das gibt ihnen Orientierung.
Falls die belastenden Gedanken und Fragen Sie immer wieder einnehmen, schreiben Sie sie auf, dass sie nicht verloren gehen und versuchen Sie dann wieder zum Alltag zurückzukehren.
Sortieren Sie auch gut, mit wem, wieviel und worüber sie sprechen möchten. Sie können achtsam beobachten, ob es Ihnen gut tut, Ihre Gedanken und Gefühle auszusprechen oder ob dies mehr Ängste, Unsicherheit oder Ärger erzeugt.
 
Holen Sie sich Unterstützung, wenn Sie sie brauchen!
www.BerufsgruppegegensexuelleGewalt.de
 
wir leben helfen.