„Wir nehmen als Kirche die Lebenswirklichkeit der Menschen ernst“

Würzburg. Regelmäßig informiert sich Bischof Friedhelm Hofmann über die Arbeit der Beratungsstellen für Schwangerschaftsfragen in seinem Bistum.

Im Gespräch mit Vorständen, Geschäftsführern und Beraterinnen im Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) konnte sich der Bischof erneut von der hohen Qualität der Arbeit überzeugen.
„Uns geht es heute nicht um Zahlen und Statistiken, sondern um einen guten Erfahrungs- und Meinungsaustausch“, begrüßte SkF-Fachreferentin Anna-Elisabeth Thieser die große Runde im Seminarraum des Caritashauses. Zum Gespräch mit Bischof Friedhelm Hofmann waren aus den drei unterfränkischen Verbänden des SkF – Würzburg, Schweinfurt, Aschaffenburg – Vorstände, Geschäftsführer und vor allem zahlreiche Beraterinnen gekommen.

Lebenswirklichkeit
Auch in der Beratung spiele die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten der Frauen eine zentrale Rolle, so Thieser in ihrem einleitenden Vortrag. „Neue Entwicklungen in Medizin und Technik, die Informationsflut im Internet, die Pluralität öffentlicher Meinungen, wachsende Anforderungen am Arbeitsmarkt und nicht zuletzt Bindungs- und Verlustängste in Partnerschaften tragen zu großer Verunsicherung bei“, unterstrich die Fachfrau. Hier sei es Aufgabe von Kirche, Caritas und den Beratungsstellen im SkF, Menschen offen zu begegnen, konkrete Hilfe und Orientierung auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes anzubieten. Mit Blick auf die laufende Bischofssynode in Rom unterstrich Bischof Friedhelm, dass es gerade die deutschen Bischöfe seien, die auf mehr Anerkennung der Lebenswirklichkeit drängten. „Natürlich halten wir fest an der Unauflöslichkeit der Ehe, müssen aber anerkennen, dass Beziehungen scheitern können. Hier braucht es den klaren Blick und Barmherzigkeit. Wir nehmen als Kirche die Lebenswirklichkeit der Menschen ernst.“ Unsichere Beziehungen oder gar Trennungen seien, das betonten gleich mehrere Beraterinnen, für Frauen oft ein Grund, die bestehende Schwangerschaft in Frage zu stellen. Hier gelte es zu stabilisieren und gemeinsam tragfähige Perspektiven zu entwickeln Dies geschehe durch Informationen, die Beratung selbst, konkrete Hilfestellungen und wo nötig auch durch materielle Unterstützung.

Wachsende Verunsicherung
„Wir beobachten mit Sorge den zunehmenden Einfluss der Wirtschaft auf alle Lebensbereiche und die Politik“, betonte SkF-Geschäftsführer Wolfgang Meixner und zeigte auf, dass dies auch junge Frauen betreffe. Fehlende berufliche Perspektiven, wachsender Druck auf dem Arbeitsmarkt, Angst vor dem sozialen Abstieg sind Indikatoren, die eine Schwangerschaft unter Umständen zum Konflikt werden lassen. Unter diesen Umständen verschärft sich auch die Angst davor, ein behindertes Kind zu bekommen. Thieser: „Unternehmen machen die Ängste der Frauen zu einem Geschäftsmodell, werfen immer neue Testverfahren auf den Markt, ohne dass den Konsumentinnen klar ist, wie sie mit einem möglichen kritischen Ergebnis umgehen können.“ Es brauche den nötigen Abstand, um zu entscheiden, ob jeder pränatale Test sinnvoll sei. „Von Frauen wird heute mit erschreckender Selbstverständlichkeit gefordert, dass sie kein behindertes Kind mehr zur Welt bringen müssten“, kritisierte der Bischof und betonte das Lebensrecht eines jeden Menschen. In den letzten Jahrzehnten sei eine Schwangerschaft immer mehr zu einem medizinischen Fall geworden, merkten die Beraterinnen an und verwiesen auf die prekäre Lage für viele Hebammen, die ihre Aufgabe aus Kostengründen nicht mehr wahrnehmen könnten. Auch die Zahl der Kaiserschnitte ohne hinreichende Indikation sei in deutschen Krankenhäusern dramatisch angestiegen. „Gute Beratung bietet Räume zur Reflexion an“, sagte Fachreferentin Thieser.

Begrenzte Ressourcen
Unabhängige Befragungen unter den Klientinnen der SkF-Beratungsstellen zeigen, dass weit über 90 Prozent der Frauen sehr zufrieden sind mit dem Dienst, den die Kirche leistet. Die Beraterinnen sind gut ausgebildete Diplomsozialpädagoginnen mit Zusatzqualifikation im Bereich der Schwangerschaftskonfliktberatung. Viele sind als Therapeutinnen auf unterschiedlichen Gebieten nochmals spezialisiert. Dennoch würden Grenzen immer wieder spürbar werden, sagte Thieser. „Jedes Jahr stoßen wir auf neues Terrain vor, befassen wir uns mit neuen Sachgebieten, mit Präimplantationsdiagnostik und neuen Bluttests, mit Rechtsfragen zur vertraulichen Geburt und verstärkt mit allem was Flucht und Asyl betrifft.“ Gerade für diesen Bereich brauche es neue Konzepte, die die Wandlung der Gesellschaft mittel-und langfristig  berücksichtige. Bischof Friedhelm erwies sich als Aufmerksamer und interessierter Zuhörer und sicherte zu, dass der SkF auch weiterhin auf die tatkräftige Unterstützung der Diözese setzen könne.

Mehr Öffentlichkeitsarbeit
Einig zeigte sich die Runde auch im gemeinsamen Wunsch nach mehr Öffentlichkeitsarbeit. „Wir wollen, dass die Menschen noch mehr vom Guten erfahren, das wir für die Frauen leisten“, sagte Anna-Elisabeth Thieser und zeigte sich verwundert darüber, dass in einigen Pfarreien Werbung für Organisationen gemacht würde, die mit der Kirche nichts zu tun hätten. An dieser Stelle versprach Domkapitular Bieber das Gespräch mit Pfarrern und anderen Verantwortlichen zu suchen. „Es sind zum Glück nur wenige Ausnahmen“, sagte Bieber und unterstützte das Anliegen, dem SkF mehr Gewicht in der Berichterstattung zu verleihen.

Dank
„Ich bin dankbar für die ausgesprochen gute und wertvolle Arbeit, die sie im kirchlichen Auftrag leisten“, sagte Bischof Friedhelm. Vorstände und Beraterinnen im Sozialdienst katholischer Frauen dankten ihrerseits dem Bischof für den angeregten und offenen Austausch.

Text und Foto von Sebastian Schoknecht, Caritasverband für die Diözese Würzburg

wir leben helfen.